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KOCH, MARIANNE "DIE GESUNDHEIT UNSERER KINDER..." |
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Koch, Marianne „Die Gesundheit unserer Kinder - Was Sie über ihre körperliche und geistige Entwicklung wissen sollten“ dtv premium 2008, 280 Seiten, ISBN 978-3-423-24588-3
Interview mit der Ärztin, Journalistin und TV – Moderatorin Dr. Marianne Koch
Dtv: In Ihrem neuen Buch geht es um die Entwicklung von Kindern und was Eltern dazutun können, um diese positiv zu beeinflussen. Die derzeit heiß diskutierten Themen Ernährung, Bewegung, Fernsehkonsum spielen in Ihrem Elternratgeber natürlich eine große Rolle. Was halten Sie von der These von Edmund Fröhlich, Eltern, die ihre Kinder verfetten lassen, seien nicht besser als Eltern, die ihre Kinder hungern lassen?
Marianne Koch: So kann man das nicht sagen. Schließlich wissen Eltern, die ihre Kinder hungern lassen, was sie ihnen damit antun. Falsche Ernährung hingegen, die zu Übergewicht und den Folgekrankheiten führt, wird den Kindern ja oft in gutem Glauben serviert. Die Eltern sind zu wenig aufgeklärt und deshalb Opfer einer durch und durch skrupellosen Lebensmittelindustrie, die ihnen in den Werbekampagnen Glück und Harmonie verspricht, wenn sie ihren Familien die minderwertigen, viel zu fetten oder süßen, kalorienreichen Gerichte vorsetzen. Zusätzlich animiert sie die Kinder selbst durch verführerische Werbespots, Süßigkeiten und dick machende, chemiebeladene Getränke zu konsumieren. Aber selbstverständlich sind die Eltern mit verantwortlich, wenn sie nicht versuchen, ihre übergewichtigen Kinder mithilfe von Ernährungsberatern zu anderen Essgewohnheiten zu motivieren.
dtv: Wie können Eltern ihren übergewichtigen Kindern helfen bzw. was müssen sie selbst ändern?
Marianne Koch: Selbstverständlich wäre es am besten, wenn die Kinder gar nicht erst dick würden. Das bedeutet, dass man sie von Anfang an mit vollwertiger Nahrung, viel frischem Gemüse und Obst ernähren und so ihre Geschmackszentren auf gesunde Kost programmieren sollte. Lässt man dagegen zu, dass kleine Kinder ständig Junk Food oder Fertignahrung essen, dann wird es später schwieriger sein, sie von den Dickmachern fern zu halten. Wir essen - übrigens wie auch Tiere! - am liebsten Dinge, die wir in frühester Jugend bekommen haben.
dtv: Ein paar Anregungen, wie Eltern ihren übergewichtigen Kindern helfen können:
Marianne Koch: Am Anfang steht die Bestandsaufnahme: Was isst - und trinkt - mein Kleiner im Lauf des Tages? Wieviele Stunden verbringt er sitzend und warum bewegt er sich nicht mehr? Woher kommen die ungesunden Sachen, die ihm schaden? Dann sollten Eltern und Kind gemeinsam - ohne Vorwürfe und Schuldzuweisungen - mit einem Ernährungsberater neue Regeln aufstellen.
Zum Beispiel:
- Wenigstens eine, die Hauptmahlzeit, am Familientisch einnehmen. Und dabei wird aus frischen Zutaten gesund gekocht.
- Kühlschrank umräumen: Konsequenter Verzicht auf den Einkauf von Kalorienbomben wie Milchschnitten, Schokoriegel, gefüllte Kekse, Eiscreme, Nutella, gezuckerte Joghurts, Fritten, Chips und die ganzen Limos und Colas. Auch Wurst und Käse nur in kleinsten Portionen aufbewahren. Dafür immer Naturjoghurt, gewaschene Möhren und ein paar Vollkornkekse bereitstellen. Und selbstverständlich eine Schale Obst.
- Nicht ohne Frühstück in die Schule. Sonst kommt der Heißhunger nach ein, zwei Stunden und dann gibt es kein Halten: Es muss etwas Süßes her - und das gesunde mitgebrachte Vollkornbrot wird verschmäht.
- Keine Mega-Portionen auf den Teller. Lieber zunächst wenig und eventuell nochmal etwas nachlegen.
- Beim Fernsehen keine Knabbersachen. Höchstens Apfelstückchen. Als Getränk Mineralwasser oder (ungesüßten) Kräutertee.
- Die Fernsehzeiten insgesamt drastisch reduzieren. Die Kinder sitzen ohnehin stundenlang in der Schule. Stillsitzen ist Gift für die Figur. Dafür geht Papa mit den Kindern zum Sport. Und zwar regelmäßig.
- Und, wichtig: Dicke Kinder haben meist ein verkümmertes Selbstbewusstsein. Man sollte sie für alles, was sie richtig machen, besonders loben und ihnen zeigen, dass sie vielleicht ein wenig füllig, aber dennoch ganz tolle, wertvolle Menschen sind.
Es ist in der Tat nicht einfach, aus einem dicken Kind ein normalgewichtiges zu machen. Essen ist oft eine Sucht geworden. Deshalb ist schon viel gewonnen, wenn das Gewicht gleich bleibt und nicht weiter zunimmt. Kinder wachsen bekanntlich, und bei gleichem Gewicht sinkt mit jedem Zentimeter Längenwachstum der Body-Mass-Index.
dtv: Medienkinder von Geburt an: In Baden-Württemberg beispielsweise gibt es Baby-TV auf Kabel zu sehen. Sie halten davon gar nichts. Warum?
Wir leben in einer Medienwelt. Deswegen ist es sehr schwierig, wissenschaftliche Erkenntnisse, die gegen das Fernsehen für Kinder sprechen, tatsächlich durchzusetzen. Bei Baby-Videos aber gibt es keine Frage. "Reiner Aberwitz" sagen Entwicklungspsychologen zu diesem kommerziellen Angriff auf die Entwicklung der Babys. Es gibt für die Kleinsten nämlich absolut kein "kindgerechtes" Fernsehen. Die Abbildung von Dingen, die der Bildschirm zeigt, können wir als Erwachsene selbstverständlich entziffern, weil wir automatisch die Symbole und zweidimensionalen Bilder in reales Leben "übersetzen". Ein Baby von sechs oder neun Monaten ist gerade dabei, die Welt zu entdecken, indem es Dinge sehen, anfassen und beschnuppern kann und so allmählich eine dreidimensionale, sinnliche Vorstellung von der Wirklichkeit in seinem Kopf speichert. Das gilt für Mamas Gesicht ebenso wie für einen Apfel oder für Spielsachen, die es ja be-greifen kann. Die flachen Bilder am Fernsehschirm haben nichts mit seinen bisherigen Erfahrungen zu tun. Ein Ball ist dort eben nicht glatt, kugelig und bunt. Er ist ein Fleck und widerspricht damit seiner gerade gelernten Vorstellung von einem Ball. Mit dem Ergebnis, dass sich die bereits im Gehirn verankerten Eindrücke wieder abschwächen - und dass sich so seine Entwicklung verzögert. Ganz abgesehen davon, dass sich das lange Starren auf die Flimmerkiste verheerend auf die Augen und den Muskelapparat auswirkt. Kinder sollte man in den ersten drei Jahren überhaupt nicht vor den Fernsehapparat lassen. Sie haben sonst später deutliche Nachteile beim Leseverständnis und beim Schreiben, sie erweisen sich als weniger kreativ, leiden mehr unter Ängsten und sind ganz allgemein in Gefahr, in ihrer mentalen und emotionalen Entwicklung gegenüber ihren Altersgenossen zurückzubleiben.
dtv: Ab wann sind Kinder überhaupt in der Lage, Inhalte der Medien zu verarbeiten?
Marianne Koch: Kinder können erst mit ungefähr acht Jahren den Unterschied zwischen Realität und Fiktion begreifen.Darüber hinaus aber wissen wir alle, dass Inhalte und Bilder von Actionfilmen, von Krieg, Katastrophen, von Mord und Totschlag oft sogar für Erwachsene schwer zu verarbeiten sind. Und da das Fernsehen im Durchschnitt in 80 Prozent aller seiner Sendungen Gewalt in irgendeiner Form darstellt, werden Experten wie der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer ("Vorsicht Bildschirm!" dtv München 2006) leider Recht behalten, die nachweisen, dass Kinder durch langes Fernsehen und die entsprechenden Computerspiele gegenüber Brutalität abstumpfen und Gewalt sozusagen "lernen".
dtv: Warum ist Bewegung so wichtig und wie kann man Kinder dafür begeistern?
Marianne Koch: Man braucht Kinder nicht für Bewegung zu begeistern, sie haben von Anfang an einen ganz natürlichen Drang, sich auszutoben, ihre Muskeln und ihre Koordination zu trainieren. Das Traurige ist, dass wir ihnen später Bewegung konsequent abgewöhnen. Stadtkinder können nicht mehr auf der Straße spielen, die Hinterhöfe sind begrünt und erlauben keinen Kick mit einem alten Fussball mehr, die Parks verbieten meist, dass Kinder dort frei herumrennen, Ball spielen oder sich sonst austoben. In den meisten Kindergärten gibt es nicht genügend Platz für Auslauf und wilde Spiele, und in der Schule fallen die lächerlichen zwei Wochenstunden Sport öfter aus als dass sie stattfinden. Natürlich wäre es entscheidend wichtig für ein Kind, sich regelmäßig zu bewegen. Nicht nur, um feste Knochen und einen starken Körper zu bekommen - mit dem man sich, wenn es denn sein muss, auch einmal zur Wehr setzen kann. Sondern auch, weil Körperbeherrschung und die Entstehung von Bewusstsein und Persönlichkeit in einem engen Zusammenhang stehen. Bleiben die Sportvereine. Hoffen wir, dass sich mehr und mehr Eltern dazu entschließen, ihre Kids dort trainieren zu lassen.
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