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Brauchen wir ein Schulfach Gesundheit?

70 Prozent der Hauptschüler sind übergewichtig, bei den Abiturienten sind es nur halb so viele. Sollen falsche Ernährungsgewohnheiten künftig in der Schule korrigiert werden?

Von FOCUS-Schule-Redakteurin Anne Kathrin Reiter

Übergewicht bei Kindern: Die Schule soll´s richten.
Je geringer die Bildung, desto höher das Gewicht: Den deutlichen Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Ernährungsverhalten kann spätestens seit der Veröffentlichung der ersten bundesweiten Verzehrstudie niemand mehr bestreiten.

Allerdings: 63 % der Schüler hören nach eigenen Angaben im Unterricht selten oder nie etwas über gesunde Ernährung (LBS-Kinderstudie 2007). Wie man sich vernünftig ernährt, lernen Kinder also einzig und allein im Elternhaus – oder gar nicht.

Nahe liegender Gedanke: Die Schule soll’s richten. Ein Unterrichtsfach Gesundheit und mehr Sport an Schulen forderten beispielsweise der AOK-Verband und der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) als Reaktion auf die Verzehrstudie.

Hamburg legt bald los

Ob das Thema Gesundheit als Fach unterrichtet oder im Rahmen von Projekten ins Schulleben integriert werden soll (Stichwort: „Gesunde Schule“), beschäftigt die Kultusministerien der Länder schon länger. Außer Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern denkt jedoch bislang kein Bundesland daran, ein neues Schulfach einzuplanen.

Auf Seite 2 haben wir den Stand der Dinge für Sie zusammengefasst.

Pro und Contra: zwei Bildungsexperten beziehen Position

Schule muss sich den gesellschaftlichen Problemen stellen, fordert Gudrun Zander, Dezernentin am Landesinstitut für Schule und Ausbildung Schwerin. Sie möchte in Mecklenburg-Vorpommern das Schulfach Gesundheit einführen (Seite 3).

Ein neues Fach nützt bestenfalls dem Image der Politiker, kritisiert Siegfried Seeger, freier Bildungsreferent aus Hessen. Das ganze Schulklima sollte auf Gesundheit eingestellt sein (Seite 4).
Kostenpunkt: 200 Millionen pro Woche?
Nur ein einziges Bundesland, nämlich Hamburg, führt ab dem Schuljahr 2009/10 ein Schulfach Ernährungslehre in den geplanten Stadtteilschulen ein.
Mecklenburg-Vorpommern befindet sich derzeit noch in der Planungsphase. Alle anderen Länder winken bislang noch ab.

Zu teuer, sagt zum Beispiel Niedersachsen. Zwei Stunden Gesundheit pro Woche würden 200 Mio. Euro kosten. Dagegen setzen die meisten Bundesländer mehr oder weniger engagiert auf gesundheitsfördernde Projekte wie gesundes Frühstück in allen thüringischen Schulen oder ein Gesundheitszertifikat an hessischen Schulen.

Dennoch: Überlegungen und Planungen zum neuen Schulfach gibt es in allen Kultusministerien.

Schulfach Gesundheit

Mögliche Themenbereiche:

* Die Schule als gesunder Lebensraum (z.B. Gestaltung von Schulhof oder Schulweg)
* Sport und Bewegung (z.B. Haltungsschäden)
* Unfallvermeidung, Erste Hilfe
* Gesundheit und Krankheit (z.B. Impfen, Behinderung)
* Ernährungs- und Sexualerziehung
* Drogen- und Gewaltprävention
* individuelle gesunde Lebensführung (z.B. Hygiene)

Schön, wenn sich einmal in der Woche eine ganze Schulstunde lang alles um Gesundheit dreht – aber nicht genug, argumentieren Kritiker. Sie befürchten, dass Lehrer überfordert sind oder andere Fächer gekürzt werden und setzen deshalb auf das Projekt „Gesunde Schule“.
Gesunde Schule

Die Unterrichtsthemen wären ähnliche wie im Schulfach Gesundheit. Ziel wäre aber eine fächerübergreifenden Gesundheitserziehung – zum Beispiel in Biologie, Sport, Deutsch, Sachkunde – , die in einer Kombination aus Projekten, Programmen und Fachunterricht realisiert würde.

Als Arbeitsbereiche für Projektarbeit böten sich an: hygienische Toiletten, unfallsicherer Schulhof und Sporthalle, gesunder Schulkiosk und Schulgarten, schöne Klassen- und Lehrerzimmer. Ziel wäre die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Schülern und Lehrern sowie ein gesundheitsförderndes Schulklima.

Welches Modell ist das richtige? FOCUS-SCHULE hat zwei Bildungsexperten mit konträren Meinungen befragt.

Pro: Schule muss gesellschaftliche Probleme angehen
„Wir brauchen dringend ein neues Schulfach Gesundheit, in dem lebenswichtige Themen zusammengefasst sind: Aids-Aufklärung, Ernährung und Drogenprävention“, meint Gudrun Zander.
Gudrun Zander ist Dezernentin am Landesinstitut für Schule und Ausbildung Schwerin.
Die Dezernentin am Landesinstitut für Schule und Ausbildung Schwerin will in Mecklenburg-Vorpommern das Schulfach Gesundheit einführen. Und zwar mit folgenden Argumenten:

Schüler wissen heute immer weniger über Körperhygiene oder Bewegung, mittlerweile ist jedes fünfte Kind übergewichtig, und Aids-Aufklärung kann lebensrettend sein. Doch Lehrerverbände und Kultusministerien tun sich schwer, wenn es darum geht, neue Unterrichtsfächer in den bereits bestehenden Fächerkanon zu integrieren. Stattdessen wird starr an der jahrhundertealten, längst überholten Facheinteilung festgehalten. Auch viele Lehrer denken nur in den ihnen bekannten Fächergrenzen und haben große Angst, etwas davon abzugeben.

Keiner fühlt sich zuständig

Ich bin der Meinung, dass die Schule der Forderung der Gesellschaft nachkommen muss, ein so wichtiges Themengebiet wie die Gesundheit probeweise in den Stundenplan aufzunehmen. Es ist Augenwischerei, wenn wir nur „gesundheitsfördernde Schulen“ einrichten. Da die Gesundheitserziehung dabei fächer- und schulartübergreifend unterrichtet wird, geht sie im stressigen Schulalltag unter. Keiner fühlt sich wirklich zuständig.

Natürlich sind einzelne Projekte zur Gesundheitskompetenz ehrenwert und können einiges bewirken, aber sie reichen nicht aus, um eine gute gesunde Schule zu etablieren. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es solche Projekte schon sehr lange, wie das Schulentwicklungsprogramm „Anschub.de“, das ich mitgestaltet habe und das mir daher sehr am Herzen liegt.

Doch diese Initiativen müssen durch ein eigenständiges Fach ergänzt werden. Das zeigen meine Erfahrungen aus den vergangenen 16 Jahren. Den Schülern fehlt sonst das fachliche Hintergrundwissen. Es muss fester Bestandteil des wöchentlichen Stundenplans werden.

Auch an die Lehrer denken

Eine Fülle von Themen und Problemen lässt sich in einem Fach Gesundheit unterbringen: gesunde Lebensführung, Ernährung, Drogenprävention, Sexualerziehung, Hygiene, Behinderungen, Impf- und Unfallschutz. Alle diese Bereiche sind für Kinder lebenswichtig.

Wir sollten zudem an die Lehrerinnen und Lehrer denken. Viele von ihnen fühlen sich überfordert, wenn sie gesundheitsrelevante Themen fächerübergreifend unterrichten sollen, die in ihrer Ausbildung wenig Raum hatten. Ihr Arbeitspensum ist schon jetzt ungeheuer hoch.

Ich bin fest überzeugt: Es ist an der Zeit, dass auch die Schule über Lösungen für gesellschaftliche Probleme nachdenkt, den alten Fächerkanon überarbeitet und handelt, damit sie zu einem gesundheitsbewussten Lernort wird.

Contra: „Schwarzer Peter für die Lehrer“
„Wir brauchen kein neues Fach, das von untätigen Politikern, einer trägen Verwaltung oder desinteressierten Lehrern als Alibi missbraucht wird“, kritisiert Siegfried Seeger.
Siegfried Seeger ist freier Bildungsreferent in Hessen.
Der freie Bildungsreferent aus Niedernhausen-Engenhahn in Hessen findet: Nicht nur eine Stunde, sondern das ganze Schulklima sollte auf Gesundheit eingestellt sein. Seine Argumente:

Ein Schulfach Gesundheit einzuführen ist vollkommen überflüssig. Wer auf diese Weise sein Gewissen erleichtern möchte, schadet unseren Kindern. Nein, der richtige Weg ist vielmehr eine gesamtheitlich „gesundheitsfördernde Schule“, in der Lehrer, Schüler und auch Eltern im Engagement gegen Übergewicht, falsche Ernährung oder krank machende Belastungen zusammenarbeiten.

Rundum gesund

In solchen Schulen werden der „normale“ Unterricht, aber auch der Schulalltag nach neuesten gesundheitsfördernden Erkenntnissen gestaltet und gepflegt. Dazu gehören schadstofffreie Architektur, ergonomisches Schulmobiliar, eine schmackhafte, gesunde und bezahlbare Verpflegung in Ganztagsschulen sowie saubere Toiletten, um nur einige Beispiele zu nennen. Nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer sollen sich wohlfühlen und in einer gesunden Atmosphäre arbeiten.

Pure Theorie bringt nichts

Gesundheitswissen in einer Stunde? Wer ein solch komplexes Themengebiet so knapp abhandeln möchte, der geht davon aus, dass Schüler theoretisch gelerntes Wissen über Ernährung und Bewegung auch in die Praxis umsetzen können. Das ist aber oft nicht so. Zwar erweitert der Unterricht das abstrakte Wissen um Krankheitsrisiken und Gesundheitschancen, aber er hat — wenn überhaupt — nur geringe Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten der Kinder.

So belegt die aktuelle Studie „primakids“ der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Techniker Krankenkasse, dass übergewichtige Kinder durch ein Schulfach Gesundheit gar nicht abnahmen. Die Pfunde purzelten lediglich, wenn die gesamte Schule auf Gesundheit eingestellt war.

Gesundheitsunterricht in jedem Fach

Zudem wird mit einem neuen Schulfach der Schwarze Peter wieder einmal den Lehrern zugeschoben. Warum sollen sie nun auch noch diese Aufgabe bewältigen? Stattdessen müssen die Mitverantwortung aller gestärkt werden und Gesundheitsunterricht in jedem Fach stattfinden. Oder welche Lehrstunde über gesundes Essen kann schon einen Salat am Schulkiosk ersetzen? Lehrplananalysen belegen außerdem, dass bereits viele Gesundheitsthemen enthalten sind und ein neues Fach überflüssig ist.

Aber egal, ob mit oder ohne Schulfach: Wir alle sind uns einig, dass sich Schulen stärker für die Gesundheit engagieren müssen. Wir streiten hier nicht um das Ob, sondern nur um den richtigen Weg.

Quelle: http://www.focus.de/schule/schule/unterricht/tid-8736/schlank-durch-bildung_aid_235929.html


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