Sie sind hier: Zum Thema Politik  
 ZUM THEMA
Adipositas
Bildung
Essen
Genetische Disposition
Kultur
Kuriosa
Medienkonsum
Politik
Wirtschaft
Wissenschaft

NIEDER MIT DER FETTSUCHT!
 

Matthias Becker 21.10.2007

Großbritannien debattiert über Maßnahmen gegen die
"Übergewichtsepidemie", die zum internationalen Problem geworden ist

Als die International Association for the Study of Obesity ( IASO (1))
im Mai Zahlen veröffentlichte, war die Aufregung in Deutschland groß.
Die IASO verfolgt (2) die Entwicklung von Übergewicht und
Fettleibigkeit weltweit. Nach ihrer Studie wiegen in Deutschland drei
Viertel der Männer und über die Hälfte der Frauen "zu viel" - mehr als
in allen anderen europäischen Ländern und ebensoviel wie in den USA.

Dennoch schenkt die politische Klasse hierzulande dem Thema längst
nicht so viel Aufmerksamkeit wie in Großbritannien. Dort steht das
Thema ganz oben auf der Agenda der Regierung und Öffentlichkeit. Am
Mittwoch vergangener Woche wurde eine Studie (3) des englischen
Thinktanks "Foresight" über die Ursachen von Übergewicht und mögliche
Gegenstrategien veröffentlicht. Foresight ist eine Abteilung des
britischen Forschungsministeriums. Ihr Bericht läutet die Alarmglocken
so laut wie möglich: Halte die jetzige Entwicklung an, würden im Jahr
2050 60 Prozent der Bevölkerung "adipös", also krankhaft fettleibig
sein. Übergewicht werde das Land dann jährlich 45 Milliarden Pfund
(etwa 68 Milliarden Euro) zusätzlich kosten. Diese Summe errechneten
die Forscher aus den erwarteten zusätzlichen Kosten im
Gesundheitssystem und dem vermuteten Produktivitätsverlust. Der Trend
zum Speckpolster werde zu einer riesigen Welle von Diabetes, Arthritis,
Herzkreislauf- und Krebserkrankungen führen.

Die Children's Food Campaign (4) forderte daraufhin ein Verbot von
Fernsehwerbung für Junkfood vor 21 Uhr; die oppositionellen Tories
attackierten im Parlament routiniert die Unfähigkeit der Regierung. In
den britischen Medien ist die Rede von einer "Fettsuchtkrise"
beziehungsweise einer "Übergewichtsepidemie" - leider stellte bisher
niemand die Frage, wie sich der "Produktivitätsverlust" in 43 Jahren
errechnen ließe.

Das Thema ist alles andere als neu. In Großbritannien hat sich laut
Zahlen des Gesundheitsministeriums die Zahl der Übergewichtigen unter
den Erwachsenen in den letzten 25 Jahren vervierfacht, bei den Kindern
in den letzten 20 Jahren verdreifacht. Bereits 1997 versprach die
Labour Party im Wahlkampf Maßnahmen gegen Übergewicht bei Kindern, ohne
diese Entwicklung auch nur zu verlangsamen. 2004 setzte sich die
Regierung offiziell das Ziel, bis zum Jahr 2010 einen weiteren Anstieg
zu verhindern. Der Bericht von Foresight macht klar, dass auch dieses
Ziel unrealistisch ist. Nun will die Regierung wenigstens bis zum Jahr
2010 einen Rückgang auf das Niveau des Jahres 2000 erreichen.

Ein internationales Problem

Nach Angaben (5) der Weltgesundheitsorganisation ( WHO (6)) sind
weltweit über eine Milliarde Menschen zu dick und 300 Millionen von
ihnen krankhaft fettleibig. Die US-amerikanische Johns Hopkins
Bloomberg School of Public Health's (7) ging in einer im Mai
veröffentlichten Studie sogar davon aus, dass im Jahr 2015 drei Viertel
der Amerikaner übergewichtig und 41 Prozent adipös sein werden.

Internationale Vergleichsstudien über Übergewicht - wie die der
International Association for the Study of Obesity ( IASO (8)) - sind
mit Vorsicht zu genießen. Datenlage, Erhebungszeitraum und auch die
Qualität der Befragungen unterscheidet sich zwischen den verschiedenen
Ländern gewaltig. Die gängigste Einheit zur Messung von Übergewicht ist
der sogenannte Body-Mass-Index (BMI): das Körpergewicht (in Kilo)
geteilt durch das Quadrat der Körpergröße (in Metern). Überschreitet
diese Maßzahl 25, gelten die Betroffenen als übergewichtig. Liegt die
Zahl über 30, gehen die Gesundheitsexperten von Adipositas aus. Obwohl
der BMI je nach Alter und Geschlecht modifiziert wird (Männer haben in
der Regel einen größeren Muskelanteil an der gesamten Körpermasse als
Frauen), ist seine Aussagekraft umstritten. Schließlich erlaubt er
keine Aussage über den Anteil von Fettgewebe im Körper, das
entscheidende Merkmal für Übergewicht.

Dennoch lässt sich kaum bestreiten, dass die Fettleibigkeit in vielen
Regionen der Welt zunimmt, nämlich in den Industriestaaten und auch den
"Schwellenländern", außerdem im Nahen Osten. Laut IASO sind im Libanon
36 der erwachsenen Männer fettleibig, in Katar 35. Diese Entwicklung
beruht vor allem auf der Maschinisierung der Arbeit und der
Haushaltsführung, dem motorisierten Verkehr und veränderten
Ernährungsgewohnheiten. Besonders betroffen sind die unteren sozialen
Schichten, weil die Qualität ihrer Lebensmittel und deren Zubereitung
schlechter sind.

Gesundheitspolitische Sackgasse

Neben biologischen werden in dem nun veröffentlichten Bericht von
Foresight auch sozioökonomischen Ursachen aufgezählt. So wird
Convenience Food und Fast Food vor allem dort konsumiert, wo die
Arbeitszeiten lang sind und wenig Zeit vorhanden ist, selbst zu kochen.
Außerdem macht Stress, vermittelt über das Hormon Kortisol, unter
Umständen ebenfalls dick. Rechnet man kulturelle Faktoren dazu,
verwundert es nicht, wie eng Klasse und Übergewicht zusammenhängen: In
der obersten sozialen Schicht (von fünf) sind nur 18 Prozent der Männer
fettsüchtig, in der untersten 28. Bei den Frauen ist der Unterschied
noch größer: in der obersten Schicht 10 Prozent , in der untersten 25.

Die Autoren bemühen sich, moralisierende Anklagen und populistische
Verallgemeinerungen zu vermeiden. Auch der Gesundheitsminister Alan
Johnson betonte bei der Präsentation der Studie, Übergewicht dürfe
nicht den Betroffenen angelastet werden. Zwar liege das Körpergewicht
letztlich in der Verantwortung jedes Einzelnen, sagte er. Die
Veränderungen des Lebensstils - vor allem kalorienreichere Nahrung und
weniger körperliche Arbeit - sorgten dafür, dass die Briten immer
dicker würden, nicht ihr Hang zur Völlerei. David King, der Leiter der
Foresight-Studie, betont: "Auch wenn wir uns ganz normal benehmen,
werden wir fettleibig werden."

Deshalb müsse die "Fettsucht erzeugende Umwelt" (obesogenic
environment) bekämpft werden; eine regelrechte Kulturrevolution scheint
nötig. Die Staatssekretärin Dawn Primarolo nannte als nächste Schritte
bessere Mahlzeiten in den Schulen, mehr Ernährungserziehung und auch
Warnhinweise auf Lebensmittel, die besonders dick machen. Als konkrete
Gegenmaßnahme kündigte Minister Johnson außerdem an, die Schulen
müssten demnächst fünf statt zwei Sportstunden in der Woche abhalten.

Sünder oder Kranke?

Michel Foucault prägte den Begriff "Biomacht" in den 1970er Jahren.
Biopolitik begriff er als "Verstaatlichung des Biologischen" und ging
mit zahlreichen Einschränkungen und Abwägungen davon aus, dass der
Souverän immer mehr auf "Dressur und Übung" verzichten würde. Die
Entwicklung seitdem, die "Kampagnen gegen die Fettsuchtpandemie"
möglich gemacht hat, hätte seine Phantasie wohl überfordert.

Die aktuelle "biopolitische" Offensive gegen die Fettleibigkeit - die
Nachfolgerin der Kampagne gegen das Rauchen - besteht vor allem aus
Appellen und Aufklärungsarbeit. In der öffentlichen Debatte gelten die
Dicken weniger als Sünder denn als Kranke - wobei der Krankheitsbegriff
so weit wie möglich gefasst wird. Unter den herrschenden Bedingungen
der Austeritätspolitik ist der Ansatz des britischen Staates
einigermaßen typisch: im öffentlichen Gesundheitssystem soll der
Schwerpunkt auf Prävention gelegt werden. Schließlich ist sie billiger
als Behandlung, und der National Health Service (9) hat seine Arbeit
schon vor einiger Zeit entsprechend umgestaltet. Die "nationale
Gesundheit" wird als ökonomisches und soziales Anliegen aller
definiert, verantwortlich sind aber in erster Linie die Bürger selbst.
Weil gleichzeitig die Ressourcen verknappt werden, verbreitet sich eine
merkwürdige Art von Selbst-Verantwortungsethik. Ein Eintrag (10) bei
der deutschsprachigen Wikipedia bringt sie auf den Punkt: "Entsprechend
muss eine genetische Belastung durch verantwortliches Verhalten
kompensiert werden, damit die Energiebilanz wieder stimmt."

Gegen den moralischen Kern dieser Denkweise - Verantwortung gegen sich
selbst und gegenüber der Allgemeinheit - zu verstoßen, wird mit immer
mehr Scham besetzt. In der aktuellen öffentlichen Debatte in
Großbritannien finden sich dementsprechend zahlreiche gut gemeinte
Ratschläge und gesunde Kochrezepte für die Dicken, aber keine einzige
Stimme, die offensiv und stolz erklärt: "Mein Bauch gehört mir und euch
nichts an!" I'm lovin' it? Vermutlich schleichen die Briten weiterhin
nachts zum Kühlschrank, aber ihr Gewissen wird zunehmend schlechter.

LINKS

(1) http://www.iotf.org
(2) http://www.iotf.org/database
(3) http://www.foresight.gov.uk/Obesity/Obesity_final/Index.html
(4) http://www.sustainweb.org/page.php?id=29
(5) http://www.who.int/topics/obesity/en/
(6) http://www.who.int/
(7) http://www.jhsph.edu/clf
(8) http://www.iaso.org/
(9) http://www.nhs.uk/Pages/homepage.aspx
(10) http://de.wikipedia.org/wiki/Adipositas

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26452/1.html

Copyright © Heise Zeitschriften Verlag




ALG II reicht nicht für gesunde Kinderernährung | Lebensmittel klar kennzeichnen