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DICKE KINDER - EIN SYMPTOM DER GESELLSCHAFT |
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Magazin der Bundesregierung
Nur mit einer frühzeitigen Prävention lässt sich Übergewicht wirklich stoppen, sagt der Münchner Kinder- und Jugendarzt Professor Dr. Berthold Koletzko. Er ist Stoffwechselspezialist am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München, Mitglied der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. Wir sprachen mit ihm über die Ursachen und Folgen des Übergewichts im Kindesalter. Magazin SFB: Herr Professor Koletzko, wie dick sind denn unsere Kinder wirklich? Professor Koletzko: Das Übergewicht bei Kindern hat sich zu einem ernsthaften Problem entwickelt, und dies nicht nur in Deutschland. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht bereits von einer "globalen Epidemie". Die Zahl übergewichtiger Kinder hat sich in den letzten 15 Jahren nahezu verdoppelt. Von den 77 Millionen Kindern im Alter zwischen sieben und elf Jahren in der Europäischen Union gelten 14 Millionen bereits als übergewichtig. Jedes Jahr kommen rund 400.000 hinzu. Weitere drei Millionen Kinder fallen in die Kategorie der Adipösen, also der regelrecht Fettsüchtigen. Die Zunahme in dieser Gruppe beträgt 85.000 pro Jahr. Die Schuleingangsuntersuchungen in verschiedenen deutschen Bundesländern zeigen: Der Grundstein fürs Übergewicht wird bereits im Kindergartenalter gelegt. Denn bereits unter unseren Fünf- bis Sechsjährigen sind zehn bis 15 Prozent zu dick und vier bis sechs Prozent adipös. Magazin SFB: Worin sehen Sie die Ursachen für diesen unguten Trend? Professor Koletzko: Die wichtigsten Ursachen für die Entstehung von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen sind ganz eindeutig die zunehmend sitzende Lebensweise und die veränderten Essgewohnheiten. Rumsitzen, süße Getränke und Fastfood machen Kinder dick! Nicht zu vernachlässigen sind jedoch auch weitere Faktoren: Die familiäre Veranlagung spielt ohne Zweifel eine im wahrsten Sinne des Wortes gewichtige Rolle. Wenn beide Elternteile übergewichtig sind, besteht eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass auch ihre Kinder übergewichtig werden. Wichtig sind auch psychosoziale und sozioökonomische Faktoren. So sind Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund häufiger übergewichtig als Kinder aus deutschen Familien. Aber auch Kinder aus sozial benachteiligten deutschen Familien haben ein höheres Risiko, dick zu werden. Magazin SFB: Wie gefährlich ist Übergewicht wirklich? Professor Koletzko: Dicke Kinder laufen Gefahr, übergewichtige Erwachsene zu werden. Sie sind anfälliger gegen Infektionen, haben Skelettschäden oder eine schlechte Haltung, ein erhöhtes Risiko für hohen Blutdruck, hohe Cholesterinwerte, koronare Herzerkrankungen und Gicht. Die Liste der Krankheiten, deren Risiko durch Übergewicht erhöht wird, ist aber noch länger: Fettleber und Gallensteine gehören ebenso dazu wie Gelenkprobleme oder die Entstehung eines Diabetes des Typs II, des so genannten Altersdiabetes. GESUNDHEITSPROBLEME VON KINDERN Laut der aktuellen Studie KiGGS des Robert Koch-Instituts leiden 28,9 Prozent der 11- bis 17-jährigen Mädchen unter Ess-Störungen. Von den gleichaltrigen Jungen sind 15,2 Prozent betroffen. 15 Prozent der Kinder und Heranwachsenden (3 bis 17 Jahre) haben Übergewicht, rund sechs Prozent sind sogar fettleibig. Jungen und Mädchen betrifft das nahezu in gleichem Maße.
Magazin SFB: Welche Rolle spielt Fastfood? Professor Koletzko: Fastfood ist ein Teil unserer Lebenswirklichkeit. Es wäre nicht angemessen, es zu verdammen und zu verbieten. Eltern sollten aber wissen: Eine Ernährung mit Fastfood hat eine doppelt so hohe Energiedichte wie die vom Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund erarbeitete und von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin empfohlene Mischkost. Magazin SFB: Was ist Ihre Meinung zu Snacks? Professor Koletzko: Auch gegen Snacks ist nichts zu sagen. Häufige Mahlzeiten sind erwünscht. Es kommt immer darauf an, welche Snacks. Einfaches Beispiel: Zwei Stück Obst am Nachmittag haben einen ganz anderen Beitrag zur Kalorienzufuhr, als zum Beispiel ein Schokoriegel mit Erdnüssen. Dieser entspricht nämlich mit seinen 497 Kalorien dem Kaloriengehalt von dreieinhalb Bananen und macht in nur 60 Sekunden einen riesigen Anteil des täglichen Energiebedarfs aus. Magazin SFB: Wie groß ist die Chance, das Problem eines dicken Kindes mit einer strengen Diät in den Griff zu bekommen? Professor Koletzko: Keine Frage: Auch bei Kindern und Heranwachsenden lassen sich Übergewicht und Adipositas mit einer restriktiven, kalorienbegrenzten Diät beeinflussen. Doch leider meist nur für kurze Zeit. Ansonsten gelten auch für Kinder und Teenager uneingeschränkt die Zeilen von Wilhelm Busch: "Wieder schwinden 14 Tage, wieder sitzt er auf der Waage, autsch, nun ist ja offenbar, alles wieder wie es war!" Aber im Ernst: Unter den heutigen Lebensumständen fällt es Kindern und Jugendlichen, die bereits übergewichtig sind, ausgesprochen schwer, Gewicht zu verlieren. Und noch schwerer, das erreichte niedrigere Gewicht zu halten. Deshalb gilt gerade beim Problem Übergewicht die Zielsetzung der Stiftung Kindergesundheit: Besser vorbeugen als nachsorgen. Statt Übergewicht zu behandeln, sollte versucht werden, seine Entstehung von vornherein zu verhindern. Magazin SFB: Und wie soll das gehen? Professor Koletzko: Die wichtigsten Präventionsschritte lassen sich in wenigen Punkten zusammenfassen: Erstens: Wer später ein "guter Esser" wird, entscheidet sich bereits in den ersten Lebensmonaten. Kinder, die als Säuglinge überfüttert werden, werden auch später mehr essen als sie brauchen. Deshalb sollte schon im Säuglingsalter eine rasche und zu frühe Gewichtszunahme vermieden werden. Dieses Ziel wird mit Hilfe des Stillens am ehesten erreicht. Bei der Flaschenfütterung sollten Eltern auf die von den Herstellern empfohlenen Mengenangaben achten und eine Überfütterung aus Flasche oder Beikost vermeiden. Zweitens: Regelmäßige körperliche Aktivität, zu Hause ebenso wie in der Kindertagesstätte. Kinder müssen, so oft es geht, hinaus an die frische Luft zum Toben, Rennen, Klettern. Drittens: Eine strikte Begrenzung der Zeit vor dem Bildschirm, also vor dem Fernsehgerät, dem Computer oder anderen Medien. Kinder unter drei Jahren sollten überhaupt nicht fernsehen. Danach sollten sie bis zur Einschulung maximal 45 Minuten pro Tag vor dem Bildschirm verbringen. Viertens: Kinder brauchen mehr Obst und Gemüse, als sie heute verzehren. Sie sollten weniger energiedichte Speisen, große Portionen, Softdrinks und Fastfood zu sich nehmen. Sie brauchen auch reichlich zu trinken, allerdings keine gesüßten Getränke oder süße Säfte, sondern Wasser, Tee oder verdünnte Säfte. An der Entstehung von Übergewicht sind verschiedene und komplexe Ursachen beteiligt. Zu ihrer Bekämpfung gibt es deshalb keine einfachen Lösungen. Im Vorschulalter sind die Chancen, das Bewegungs- und Ernährungsverhalten erfolgreich zu beeinflussen, besonders groß. Die in den ersten Lebensjahren erlernten und gefestigten Lebensgewohnheiten bleiben oft lebenslang prägend und bestimmen langfristig Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. Magazin SFB: Wir bedanken uns für diese Informationen. Die Stiftung Kindergesundheit
Die gemeinnützige und unabhängige Stiftung Kindergesundheit mit Sitz in München wurde 1997/1998 gegründet. Sie setzt sich für eine verbesserte Gesundheitsvorbeugung ein, fördert die hierzu notwendige Forschung und die Verbreitung wissenschaftlich gesicherter Informationen für Ärzte und Familien mit Kindern. Das Engagement der Stiftung gilt nicht nur Kindern mit besonderen gesundheitlichen Problemen. Die gewonnenen Erkenntnisse kommen allen Kindern und ihren Familien zugute. Die Stiftung engagiert sich unter anderem für die Allergieprävention, für die Ursachensuche und die Vorbeugung von Fehl- und Überernährung sowie für den Schutz vor Infektionen und angeborenen Fehlbildungen. Betätigungsfeld ist auch der Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Vernachlässigung, Gewaltanwendung und sexuellem Missbrauch.
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Kurios: Jürgen Banzer | Dünne Diskussion um dicke Kinder
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