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MEIN BAUCH GEHÖRT DIR |
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DIE ZEIT
Mein Bauch gehört dir
Musik und Gedichte stören das Ungeborene nur, großen Schaden aber können falsche Ernährung und Stress anrichten.
Von Stefanie Schramm
Erste Worte im siebten Monat, einfache Sätze im achten, dazu ein wenig leichte Mathematik und klassische Musik: So sieht der Lehrplan der Prenatal University in Hayward, Kalifornien aus. Ein Vorbewusstsein für Sprache und Zahlen soll sich damit einstellen, außerdem eine längere Aufmerksamkeitsspanne und überhaupt eine höhere Intelligenz – und das Ganze schon vor der Geburt. Etwa 3.000 neugeborene Absolventen zählt das Institut. Auch abseits der Fötus-Universität bietet der Markt Geräte, mit denen Schwangere ihren Bauch beschallen können, auch in Deutschland: Tonsequenzen für die Hirnentwicklung des Fötus, Mozart und Bach zur Entspannung. Und viele ehrgeizige Eltern lesen, singen, trommeln selbst für ihr Ungeborenes.
Wie viel von solchen Bemühungen beim Fötus ankommt, ist fraglich. Bauchdecke und Fruchtwasser dämpfen und verfremden Geräusche von außen. Und drinnen geht es akustisch ohnehin turbulent zu: Das Herz der Mutter dröhnt, die Schlagader direkt hinter der Fruchtblase pocht, der Magen rumpelt, der Darm gluckert. Und das Blut, das durch die Nabelschnur zum Ungeborenen fließt, verursacht Geräusche wie eine Klospülung. Bis zu 80 Dezibel beträgt der Lärmpegel im Mutterleib, etwa so viel wie an einer Autobahn.
Vom Getöse in der Gebärmutter bekommt der Fötus in der ersten Hälfte der Schwangerschaft nichts mit, erst ab der 20. Woche kann er hören. Vor allem tiefe Töne dringen dann zu ihm durch. »Von Mozart kommt da nicht viel an, Rockmusik wäre geeigneter«, sagt der Neurologe Matthias Schwab von der Universitätsklinik Jena. Allerdings schläft das Ungeborene bis zu 20 Stunden am Tag. Plötzliche, laute Geräusche, die nicht zur Dauerlärmkulisse gehören, wecken es. Der pränatale Schulfunk könnte da eher störend sein.
Mozart macht Babys höchstens schlaflos
Dass die intellektuelle Karriere schon im Mutterleib beginnen kann, schlossen die Anhänger des belly talk (Bauchgesprächs) aus den Forschungsergebnissen von Anthony DeCasper von der University of North Carolina. Der Psychologe hatte gezeigt, dass Ungeborene Silben und Töne unterscheiden können und auf neue Gedichte mit heftigerem Herzschlag reagieren als auf solche, die ihnen schon oft vorgetragen worden waren. Zudem wählten Neugeborene per Nuckelfrequenz häufiger Geschichten aus, die sie schon im Mutterleib vorgelesen bekommen hatten, als andere.
Vorgeburtlicher Unterricht bringe trotzdem nichts, sagt DeCasper. Er mache das Baby nicht schlauer, gesünder oder besser. Auch der Neurobiologe Gerald Hüther von der Universität Göttingen hat Bedenken: »Man kann zwar einzelne Bereiche im Hirn des Ungeborenen durch Reize stärken, aber nur zulasten anderer Areale. Die Folgen sind nicht kalkulierbar.« Und Kurt Hecher, Direktor der Uniklinik für Pränatalmedizin in Hamburg, hält die fötalen Nachhilfestunden schlicht für »jenseits rationaler Überlegungen«.
Das heißt jedoch nicht, dass die Zeit im Mutterleib spurlos am Ungeborenen vorbeigeht. Im Gegenteil, es verdichten sich die Hinweise darauf, dass Einflüsse während der Schwangerschaft einen Menschen für sein ganzes Leben prägen, dass sie Krankheiten vorherbestimmen und die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können. Der Fötus werde regelrecht programmiert, sagen Vertreter der Fetal-Origins-Hypothese. »Die Prägung während der Fötalzeit ist genauso bedeutend wie die Gene und der spätere Lebensstil«, sagt Peter Gluckman von der University of Auckland in Neuseeland, einer der Pioniere auf dem Gebiet. Nur wird das Ungeborene weniger durch Mozart und Trommelsessions beeinflusst als durch den Stoffaustausch mit der Mutter.
Denn durch die Plazenta dringen neben Sauerstoff Energieträger wie Zucker und Fette, dazu Aminosäuren und Eiweiße (darunter Antikörper) sowie Hormone in den Blutkreislauf des Fötus. Über die etwa einen halben Meter lange Nabelschnur werden sie in den Körper des Kindes gespült. Hier sorgen sie nicht nur für Entwicklung und Wachstum, sondern – so die Hypothese – eichen auch wichtige Regelsysteme, unter anderem das für Hunger und das für Stress. Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes könnten so programmiert werden und damit das Risiko für Schlaganfall und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch psychische Störungen wie Schizophrenie und Depression könnten eine Ursache in der Zeit vor der Geburt haben.
Einen ersten Hinweis darauf, dass der Aufenthalt im Mutterleib über Krankheit und Gesundheit im späteren Leben entscheiden kann, fand David Barker von der University of Southampton Ende der achtziger Jahre. Er spürte über 5000 Männern nach, die zwischen 1911 und 1930 in Hertfordshire geboren worden waren und von denen man das Gewicht im Alter von einem Jahr kannte. Barker stellte fest, dass die Leichtgewichte als Erwachsene ein wesentlich höheres Risiko hatten, an Herz-Kreislauf-Leiden zu sterben. Ob allerdings tatsächlich eine Unterversorgung des Fötus das spätere Krankheitsrisiko erhöht hatte, war damit noch nicht klar. Das Gleiche gilt für epidemiologische Studien, die eine Verbindung zwischen niedrigem Geburtsgewicht und späterer Insulinresistenz, Diabetes, Übergewicht, erhöhten Blutfettwerten und Bluthochdruck herstellten. Ob es einen kausalen Zusammenhang gibt und wie der aussieht, blieb im Dunkeln.
Was wirklich im Mutterleib geschieht, lässt sich bisher nur aus Tierversuchen schließen. Wenn zu wenige Nährstoffe durch die Nabelschnur heranrauschen, richtet sich das Ungeborene offenbar darauf ein, das Wenige besonders gut zu verwerten. Wird das Kind später normal oder gar reichlich gefüttert, legt es schnell zu, Übergewicht und Diabetes können die Folge sein. »Wahrscheinlich ist gar nicht die Unterernährung vor der Geburt das große Problem, sondern die Überfütterung nach der Geburt, wenn die Eltern das schmächtige Kind mästen«, meint Andreas Plagemann, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Experimentelle Geburtsmedizin an der Berliner Charité.
Obwohl Mütter in den Industrienationen nicht hungern müssen, sind etwa fünf Prozent der Föten mangelhaft ernährt. In Deutschland entspricht das im Jahr etwa 34000 Ungeborenen. Die Hauptursache dafür sind Entwicklungsstörungen der Plazenta. »Einige Schwangere machen aber auch eine Diät oder essen zu wenig Eiweiß«, sagt Matthias Schwab von der Universitätsklinik Jena. Größer ist jedoch das umgekehrte Problem, nämlich die Überversorgung des Fötus mit Nährstoffen. »20 bis 30 Prozent der Schwangeren sind heute übergewichtig, etwa ein Zehntel entwickelt einen Schwangerschaftsdiabetes«, schätzt der Geburtsmediziner Plagemann. Oft wird die Zuckerkrankheit nicht erkannt und behandelt.
Paradoxerweise sind die Folgen der Überernährung die gleichen wie die der Unterernährung. Wird das Ungeborene mit Nährstoffen überflutet, schüttet es die Hormone Insulin und Leptin in großen Mengen aus. Ein dauerndes Überangebot verstellt die Hormonmessfühler im Zwischenhirn so, dass der Überfluss als normal gilt. Der Nachwuchs wird zum Nimmersatt. Neben den Genen kann so auch die Ernährung der Mutter oder eine Zuckerkrankheit das Risiko erhöhen, dass ein Kind übergewichtig wird. Oft entwickelt es dann selbst einen Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mädchen können dieses Risiko später wiederum an ihre Kinder weitergeben. »Das sind programmierte Krankheitsverläufe – eine Riesenchance für die Prävention«, meint Plagemann. Deshalb fordert er einen Pflichttest auf Schwangerschaftsdiabetes.
Dicke Mütter programmieren den Fötus auf Heißhunger
Die Ernährung des Fötus scheint nicht nur seine körperliche Entwicklung zu beeinflussen, sondern auch seine psychische Gesundheit. Epidemiologische Studien bringen Nährstoffmangel vor der Geburt mit Schizophrenie, Depressionen, kognitiven Defiziten, Verhaltensauffälligkeiten und höherer Stressempfindlichkeit in Verbindung. So stellte Thomas Matte von der New York Academy of Medicine einen direkten Zusammenhang zwischen dem Geburtsgewicht und dem Intelligenzquotienten siebenjähriger Jungen fest.
Wie die Mangelernährung im Mutterleib die Hirnfunktion beeinträchtigen könnte, zeigen Experimente an Tieren. Zwei Mechanismen wurden entdeckt: Erstens fährt der Fötus die Produktion an Wachstumshormonen herunter, was die Neubildung von Hirnzellen bremst und damit direkt die Entwicklung des Gehirns stört. Zweitens bedeutet die Unterversorgung Stress für das Ungeborene, sodass es vermehrt das Hormon Cortisol ausschüttet. Ähnlich wie bei Insulin verstellt ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel den entsprechenden Messfühler im Zwischenhirn, sodass das Stresssystem zeitlebens hyperaktiv ist. Entwickeln sich die Hirnstruktur und die Stressregulierung falsch, kann das auch wichtige Neurotransmittersysteme stören, besonders die Serotonin- und Dopaminregulation. Fehlfunktionen in diesen beiden Systemen begünstigen wiederum Depressionen und Schizophrenien.
Kursiert also zu viel Cortisol im Körper des Fötus, steigt das Risiko, dass der Mensch später stressempfindlicher und psychisch beeinträchtigt ist. Dieser Mechanismus könnte auch erklären, ob und wie sich Stress der Mutter auf das Ungeborene auswirkt. Verschiedene Studien, in denen Kinder teilweise bis zu ihrem 15. Lebensjahr beobachtet wurden, zeigten einen Zusammenhang zwischen Stress in der Schwangerschaft und kognitiven Problemen sowie Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern.
Normalerweise ist das Ungeborene gut gegen Stresshormone aus dem mütterlichen Kreislauf geschützt. Ein Enzym in der Plazenta deaktiviert Cortisol. Doch etwa zehn Prozent der Moleküle können der Demontage entkommen und in den Blutkreislauf des Fötus eindringen. Außerdem scheint Dauerstress der Mutter die Barriere zu durchlöchern. Bei zusätzlichen akuten Stressereignissen kann die Plazenta nicht genug Demontage-Enzyme bereitstellen. Darüber hinaus bringt das mütterliche Cortisol die Plazenta dazu, selbst das Hormon CRH (Corticotropin Releasing Hormone) vermehrt zu produzieren. Dieses passiert die Schranke zum Blutkreislauf des Fötus ohne Probleme und kurbelt das Stresssystem des Ungeborenen zusätzlich an.
»Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen dem Stress der Mutter und dem Risiko der Kinder, Stresskrankheiten zu bekommen«, sagt Stefan Wüst von der Abteilung für Psychobiologie an der Universität Trier. Seine Arbeitsgruppe untersuchte Menschen, deren Mütter in der Schwangerschaft stark belastet waren, zum Beispiel weil ein naher Verwandter gestorben oder lebensbedrohlich erkrankt war oder einen schweren Unfall hatte. Diese Probanden und eine Kontrollgruppe stresste Wüst gezielt: Er ließ sie vor einem Gremium einen freien Vortrag halten und anschließend Kopfrechnen. Dann maß er den Cortisolspiegel der Prüflinge. Bei den Testpersonen, die vor der Geburt starkem Stress ausgesetzt waren, lag er deutlich höher als bei der Kontrollgruppe.
Große Sorgen vor der Geburt machen die Kinder sensibel
Zusätzlich gab Wüst den Probanden Zuckerwasser zu trinken und kontrollierte den Verlauf des Zuckerspiegels im Blut. Wieder lag er bei den als Fötus gestressten Probanden höher. »Das deutet auf eine gestörte Glukosetoleranz hin, eine Vorstufe zum Diabetes«, erklärt Wüst. »Offenbar macht starker Stress vor der Geburt die Kinder anfälliger für Stress und für Erkrankungen, die damit zusammenhängen. Dazu gehören neben Diabetes auch Depressionen.«
Glücklicherweise kommen solche dramatischen Ereignisse, wie Wüst sie untersucht hat, nicht während jeder Schwangerschaft vor. Aber was ist mit dem alltäglichen Stress, den Zweifeln, ob man eine gute Mutter wird, den Sorgen, wie es im Beruf weitergeht, oder dem Mobbing durch die Schwiegermutter? Wirkt sich auch die ganz normale Aufregung auf das Kind aus? Um das genauer zu untersuchen, begleitete Wüsts Kollegin Margarete Bolten, die mittlerweile an der Universität Basel arbeitet, 80 Frauen durch ihre Schwangerschaft. Sie fragte sie nach ihrer Stressbelastung und maß ihren Cortisolspiegel. »Das war eine ganz durchschnittliche Stichprobe, keine der Frauen hatte extremen Stress«, sagt Bolten.
Auf die körperliche Entwicklung der Föten hatte die moderate Aufregung dann auch keinen Einfluss. Das Verhalten des Nachwuchses dagegen variierte leicht, je nachdem wie sehr die Mütter während der Schwangerschaft belastet waren, stellte die Forscherin fest: »Die Kinder der Mütter mit dem größten Stress waren sensibler als die Babys der am wenigsten gestressten Mütter.« Sie reagierten auf Taschenlampenblitze und Glöckchengeklingel genervter und waren schwerer zu beruhigen. »Das ist ein Hinweis darauf, dass das Schreibaby-Phänomen etwas mit Stress in der Schwangerschaft zu tun haben könnte«, sagt Bolten. Schwerwiegende Schäden konnte sie bei normalem Stress aber nicht entdecken: »Das ist für Schwangere eine gute Nachricht.«
DIE ZEIT, 09.08.2007 Nr. 33
33/2007
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