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SPIEGEL: LIEBER DICK UND FROH
 

DER SPIEGEL 23/2008 vom 02.06.2008, Seite 148

Autor: Beate Lakotta

MEDIZIN

Lieber dick und froh

In Abmagerungskursen zählen Tausende Kinder Kalorien und turnen gegen ihre Fettleibigkeit an - oft mit wenig Erfolg und viel Frust. Eine neue Studie des Berliner Robert-Koch-Instituts zeigt jetzt: Gefühltes Übergewicht macht unglücklicher als tatsächliches.


Beim Trampolinspringen blüht Ruven auf - ein kurzer Moment der Schwerelosigkeit im Leben eines superdicken Kindes. Ruven, das Flughörnchen. Neulich holte ihn seine Mutter auf dem Schulhof ab. Ausgerechnet da kam der Junge mit den ausgewickelten Nutella-Broten auf ihn zu, mit dem er immer heimlich seine Tomaten-Vollkornstullen tauscht. Ein schamvoller Moment - im Absprung ist er vergessen.

Auch Matilda, zehn, strahlt: Endlich lacht beim Sport mal keiner über sie, anders als in ihrer Klasse: Da hat sie nur eine einzige Freundin. Die ist genauso dick wie sie.

In der Turnhalle in Hamburg-Harburg toben unter Anleitung von Sportlehrer Kuno acht Kinder im "Moby Dick"-Gewichtskontrollprogramm. David ist seit anderthalb Jahren dabei. Wie viel er schon abgenommen hat? David zögert: "Immer so rauf und runter", sagt er vage. Aber früher konnte er kaum noch laufen, hatte Beinkrämpfe und Herzschmerzen.

Sein Freund Ruven, 78 Kilo verteilt auf eine Größe von 1,58 Metern, hat schon eine Fettleber und einen gebrochenen Selbstwert vom jahrelangen Kampf gegen sich selber. Ruvens Mutter, vollschlank wie die meisten Eltern hier, hat den Jungen hergefahren; sie steht am Spielfeldrand und schaut ihm beim Turnen zu. Ruven habe alle ihre Weight-Watchers-Bücher gelesen, erzählt sie: "Jetzt liest er von allem, was er isst, erst einmal die Fett- und Kalorien-zahlen."

Der Junge hat ein ausgeprägtes Problembewusstsein.

Unter Gesundheitsexperten gilt das als erwünschter erster Schritt zur Verhaltensänderung, und für Kinder wie Ruven mag dies die letzte Hoffnung sein.

Doch in der Schlankwahnwelt der Teenies ist mittlerweile das Bewusstsein selbst zum größeren Problem geworden: Kinder und Jugendliche, dicke wie dünne, leiden unter der Selbsteinschätzung, viel zu dick zu sein, offenbar stärker als unter tatsächlichem Übergewicht. Andererseits haben Superdicke, die ihre Leibesfülle dramatisch unterbewerten, die bessere Lebensqualität. Das ist das Ergebnis einer Studie des Berliner Robert-Koch-Instituts, die das "Deutsche Ärzteblatt" in seiner kommenden Ausgabe veröffentlichen wird.

Mehrere Teams hatten rund 6500 Mädchen und Jungen zwischen 11 und 17 Jahren gemessen, gewogen und sie und ihre Eltern gebeten, Auskunft über ihren sozialen Status, ihr Körperbild, Gesundheit und Wohlbefinden in Schule, Familie und Freundeskreis zu geben.

Das Ergebnis: Knapp 75 Prozent sind normalgewichtig - doch nur 40 Prozent von ihnen finden sich "genau richtig". Die meisten anderen halten sich für "ein bisschen zu dick" oder gar "viel zu dick" - und sind dadurch in ihrer Lebensqualität extrem beeinträchtigt (siehe Grafik).

Erstaunlicherweise verkehrt sich das gerade bei den Dicksten der Dicken ins Gegenteil: Rund 17 Prozent der Jungen und Mädchen sind übergewichtig, unter ihnen 8 Prozent Fettleibige. Doch nur die Hälfte der adipösen Mädchen und ein Drittel der Jungen schätzen sich realistisch als "viel zu dick" ein und leiden ebenfalls.

Das Gros der Superdicken jedoch hält sich lediglich für "ein bisschen zu dick" - und fühlt sich damit vergleichsweise wohl.

"Gefühltes Übergewicht schlägt offenbar stärker auf die Psyche als tatsächliches", resümiert Studienleiterin Bärbel-Maria Kurth und fragt: "Tut man einem Kind, das sich wohl fühlt, mit der Vermittlung eines realistischen Körperbildes einen Gefallen, wenn der Preis dafür eine schlechtere Lebensqualität ist?"

Zumal alle Strategien gegen das Übergewicht bislang eine entscheidende Schwäche aufweisen: "Bei Kindern ist noch manches zu machen", sagt Kurth, selbst einst eine moppelige Erstklässlerin und heute schlank. "Aber wenn ein Jugendlicher erst mal dick ist, lässt sich an der Gewichtsschraube langfristig kaum noch drehen."

Christiane Petersen, die Begründerin von Moby Dick, ist da optimistischer. Wer Petersen in ihrer Mittagspause auf dem Handy anruft, erreicht sie beim Spaziergang im Wald. Die sportliche Schulärztin beobachtet seit 20 Jahren, "wie die Kinder immer dicker werden und die Dicken immer jünger".

Der Anteil Fettleibiger hat sich in Europa und den USA seit 1980 etwa verdoppelt, und die Akteure der Abnehmindustrie werden nicht müde, die Gefahren des Übergewichts in schwärzesten Farben zu malen. Doch pädagogische Feldzüge wie die aktuelle "Fit statt fett"-Kampagne der Bundesregierung könnten womöglich mehr schaden als nützen, indem sie zur Stigmatisierung aller Dicken beitragen. Dabei kam schon vor gut zehn Jahren eine US-amerikanische Langzeitstudie an 17 000 Kindern zu dem Ergebnis, der weitverbreitete Diätwahn selbst könnte eine der Ursachen für den Anstieg der Fettleibigkeit sein: Je mehr Abmagerungsversuche die Kinder hinter sich hatten, desto dicker waren sie später.

Erst wenn das Ergebnis von Gewicht durch Körpergröße in Metern zum Quadrat - der so genannte Body-Mass-Index (BMI) - zum Beispiel bei einem Zwölfjährigen mehr als 27 beträgt, wird es wirklich kritisch: Adipositas in extremer Form kann zu Atembeschwerden, Gelenkerkrankungen und Stoffwechselstörungen führen. "Wenn so ein Kind dann stramm in Richtung Altersdiabetes geht", sagt Petersen, "dann muss man handeln, auch wenn es nicht unter seinem Äußeren leidet."

Ansonsten aber nimmt Moby Dick nur Kinder auf, deren Leidensdruck schon so hoch ist, dass sie selbst abnehmen wollen. In vielen Dutzend Gruppen im ganzen Bundesgebiet lassen sie sich anleiten, Sport zu treiben, ihre Ernährung umzustellen und nicht heulend wegzurennen, wenn einer "Hau ab, du fette Sau!" ruft. Viele Dicke finden in der Gruppe zum ersten Mal Freunde; das Ziel ist ein gemeinsames "Wachsen in die Höhe statt in die Breite".

Laut Petersen klappt das bis zum Ende des einjährigen Kurses bei 70 Prozent der Teilnehmer. Ein bis drei Jahre später könnten noch 60 Prozent einen Erfolg verbuchen und fühlten sich subjektiv besser.

Anders als bei vielen anderen Abnehmprogrammen stürzen sich die Ernährungspädagoginnen von Moby Dick nicht mit ein paar Möhrenschnippelstunden auf das überforderte Kind allein, sondern nehmen auch dessen Familie mit in die Pflicht. Die lernt dann etwa, dass man auch mal miteinander Rad fahren kann, um das Kind zu unterstützen, anstatt zusammen "Germany's Next Topmodel" zu gucken.

Aber was bedeutet überhaupt Erfolg im Zusammenhang mit dem Abnehmen? "Bei Studien der Ernährungsprogramme muss man immer genau hingucken, was die darunter verstehen", sagt Johannes Hebebrand. Als Experte für die Ursachen von Übergewicht hat der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni-Klinik Duisburg-Essen Erfahrung mit Essstörungen aller Art.

"Fünf Prozent Abnahme ein Jahr nach dem Kurs gilt unter Experten schon als super." Und für den Fett- und Zuckerstoffwechsel macht es auch tatsächlich etwas aus, ob jemand 95 oder 100 Kilo wiegt. "Ein Jugendlicher macht das Theater aber nicht für den Stoffwechsel mit", sagt Hebebrand, "der will dünn werden."

Indem das Programm suggeriert, dies könne durch Willenskraft gelingen, sei der Frust programmiert. Internationale Studien belegen, dass das Regiment der Diät-Gurus langfristig keinen belegbaren Erfolg hat: Spätestens nach fünf Jahren ist bei Erwachsenen ein Effekt kaum noch nachzuweisen. "Ich sehe nicht, warum dies bei Jugendlichen anders sein sollte", sagt Hebebrand. "So gesehen kann man sich für die Dicken nur freuen, die nicht auch noch psychisch unter ihren Kilos leiden."

Wer beständig versuche, sein Gewicht zu reduzieren, bekomme oft auch noch andere Schwierigkeiten: depressive Verstimmungen, Suizidgedanken, Alkohol- und Drogenprobleme. Auch der Familienfriede leidet nach Hebebrands Erfahrung häufig, wenn jede Mahlzeit zum Machtkampf wird: "Das Kind wird durch ständige Kontrolle und Druck nicht dünner; Eltern sollten das lassen."

Hebebrand ist zugleich Humangenetiker. Als solcher liegt für ihn der Grund für die Zwecklosigkeit aller Mühen auf der Hand: Von den Genen eines Menschen hängt zu mindestens 50 bis 70 Prozent sein BMI ab. Zwei bis drei Prozent aller Superdicken haben beispielsweise eine Mutation auf einem Gen namens MC4R. Sie bewirkt, dass der Körper jedes Gramm Fett unglaublich effektiv speichert. In der Steinzeit konnte man damit einen Hungerwinter überleben. Im Supermarktzeitalter sind männliche Träger dieser Genvariante durchschnittlich bis zu 15 Kilo schwerer, weibliche sogar bis zu 30 Kilo - unabhängig von der sozialen Schicht und der Ernährung.

Andere Genvarianten, wie etwa jene, die US-Forscher erst kürzlich entdeckten, sorgen nur für ein minimales Gewichtsplus von knapp einem Kilogramm. Aber wenn einer Pech hat, addieren sich acht, neun, zehn solcher Varianten zu einem stattlichen Schwimmring - vielleicht nicht gerade, wenn deren Träger in Somalia lebt oder makrobiotische Wanderfreunde zu Eltern hat, aber in Dortmund oder Dallas, wo man mit dem Auto zum Fast Food fährt, eben schon.

Gemäß dieser Theorie müsste irgendwann die Anpassung an das veränderte Ernährungsangebot erreicht sein. Tatsächlich kommt aus den USA, wo 40 Prozent der Kinder zu dick sind, dieser Tage die Nachricht, dass die Generation XXL womöglich die Grenzen ihres Wachstums erreicht hat: Zwischen 1999 und 2006 gab es keinen Anstieg an übergewichtigen Kindern mehr. Auch aus einigen deutschen Bundesländern melden Schulärzte erstmals eine rückläufige Zahl dicker Erstklässler.

Die allerdings treffen vor allem in den weniger privilegierten Gegenden aufeinander. "Wenn Sie der einzige Dicke in einer Gymnasialklasse mit lauter Schlanken sind, dann haben Sie's schwer. Aber gehen Sie mal im Essener Norden in eine Hauptschulklasse: Da ist die Hälfte der Kinder zu dick", sagt Hebebrand. "Die haben dann auch keinen Leidensdruck."

Dass Dicksein auch ein Unterschichtenphänomen ist, hat nicht erst die Studie des Robert-Koch-Instituts belegt. Darüber hinaus gewann Studienleiterin Kurth jedoch aufschlussreiche Einblicke: So wie das Schlanksein der gebildeten Mittelschicht zur sozialen Abgrenzung nach unten dient, hat sich auch ein gewichtsmäßiges Solidarprinzip gegenüber akademischer Einmischung von oben ausgebildet: "Dicke Kinder kommen oft aus dicken Familien, die in der Nachbarschaft dicker Familien leben", sagt Kurth. "Die haben eine Familienkultur, die für die Psyche gar nicht schlecht ist."

Kurth und ihre Kollegen haben allen Studienteilnehmern einen Befundbrief nach Hause geschickt. Familien mit adipösen Kindern wiesen sie darin behutsam auf die Möglichkeit einer Ernährungsberatung hin - und erhielten etliche Reaktionen empörter Eltern: "Unser Kind hat bloß einen muskulöseren Körperbau, wir sind alle so, wir verbitten uns das."

"Und solange wir ihnen keine Lösungen anbieten können", sagt die Gesundheitsforscherin, "haben sie wohl recht."

Also lieber dick und froh?

Ruvens Mutter fällt zu dieser Frage eine kleine Begebenheit ein. Neulich, an einem Sonntag, unternahm sie mit Ruven eine Radtour, für die Bewegung. Dabei kamen sie am Garten einer befreundeten Familie vorbei, in der die meisten Mitglieder so dick sind, dass sie Mühe haben, sich aus ihren Autos zu wuchten. "Die saßen gutgelaunt herum, grillten Schweinebauch und haben Ruven ein Würstchen angeboten, obwohl sie wissen, dass er das nicht darf", sagt die Mutter. "Ich war total fassungslos, und Ruven hat schwer gelitten. Aber die wirkten ganz zufrieden mit sich."

In der Schulküche schnippelt ihr Sohn unterdessen mit den anderen Salat. Seine Mutter beobachtet ihn eine Weile. Dann sagt sie: "Dabei war er früher mal so ein lustiger Kerl." BEATE LAKOTTA


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